Sprache: is ja ekelhaf. Nicht.

In einem Anflug linguistischen Irrsinns habe ich einst die „Deutsche Sprachwelt“ abonniert. Dieses Zentralorgan der deutschen Sprachbewahrer befasst sich mit drängendsten Problemen der Neuzeit, etwa, ob man nicht doch zum „ß“ zurückkehren sollte, oder dass die vereinfachte Ausgangsschrift zwar schon schlecht war, die sogenannte Grundschrift aber geradewegs vom Teufel ist.

Wenngleich nicht hinreichend geklärt werden kann, ob sich das Mindset dieser Sprachkonservatoren und -konserven aus der Kaiserzeit oder aus der Kreidezeit speist, so möchte man ihnen doch zumindest zugestehen wollen, dass sie es nur gut meinen und ein echtes Kulturgut verteidigen wollen: nähmlich der doitsche Sprachä.

Verbreitungsgebiet der deutschen Sprache
Verbreitungsgebiet der deutschen Sprache

Mutti, hol‘ mich ab!

Denn vor deren, also unser aller Muttersprache, Absterben muss man begründet Angst haben. Oder solle man zumindest. Ganz klar ist mir das noch nicht. Denn erstens ist Angst eine deutsche Grundgemütsbewegung, und bei dem überversichertsten Volk der Welt liegt auch der Schluss nahe, dass es mithin zu viel Angst vor zu alltäglichen Dingen haben könnte. Außer natürlich Tempo 200 auf der Autobahn: Das geht problemlos.

So ist ja auch „Angst“ ein sehr schönes Lehnwort, das etwa von unseren anglophonen Freunden gerne aufgenommen wurde. Da sieht man dann zweitens auch, dass Sprachsysteme sich beständig ändern, weswegen meiner Meinung nach nicht jedes neue Lehnwort von einem Abgesang des Deutschen an und für sich und dem schrillen „Mimimi“ irgendwelcher Abendlandbewahrer begleitet werden muss.

mimimi

Nun gibt es, wie auf obiger Karte ersichtlich, ein relativ großes Gebiet, in dem das Deutsche sich als dominante Sprache herausgebildet hat. Das ist auch gut so, denn ansonsten grunzten wir wohl wie unsere nächsten evolutionsbiologischen Verwandten oder gar wie FDP-Politiker nur unartikuliert Unverständliches vor uns her.

Jetzt kommt das „aber“

Aber: Leider tun auch an und für sich gut ausgebildete Deutschsprecher sich damit schwer, die guten alten Traditionen zu bewahren und Vokabeln wie „obzwar“, „bekömmlich“ oder „Klabusterbeeren“ in ihrem aktiven Vokabular zu halten. Anstelle dieser ebenso sinn- wie segensreichen Wortschätze treten dafür Begriffe und Phrasen, die so uninspiriert sind wie eine Packung Vollkornnudeln, so dumm wie ein Stück Landstraße bei Kassel und so flach wie die zweite Lackschicht auf einem Bon-Jovi-Golf.

Und das bei den Akademikern. Den Studierten! Ich rede also jetzt hier nicht vom mit Denglisch geradezu vollgemüllten Internet-Soziolekt („Der Noob hat mich beim Respawn gebasecamped“) oder dem mit Modewörtern bis obenhin verschmierten Werbesprech („im first Step müssen wir das Real-Time-Bidding von unserem Campaigner optimizen“) und auch nicht von der sogenannten Jugendsprache („der Schmacko beim Dönieren ist ja mal voll überchicked“), sondern von Leuten, die eigentlich auf gepflegten Ausdruck Wert legen (können) müssten.

Es folgt eine Aufstellung meiner persönlichen Deppenausdruck-Hitparade, und ja: Natürlich handelt es sich dabei auch um Angli- und andere Zismen. Wenn das übrigens für euch Sinn „macht“, braucht ihr ab hier nicht mehr weiterlesen.

Destinationen

Leute, lasst euch nichts einreden: Nur weil ihr in der Holzklasse irgendeiner Fluglinie als Bezahlvieh umhergeschwirrt werdet, heißt das noch lange nichts. Deswegen habt ihr auch immer noch ein Reiseziel oder gar ein Flugziel. „Destination“ ist ein sinnloser, beschissener Begriff, der sich über das Englische in die Tourismusbranche eingeschlichen hat. Pfui Spinne! Dass man im Zusammenhang mit Flugreisen besser auch nicht von „Terminal“ reden sollte, versteht sich dabei eigentlich von selbst.

Nicht

Dieses an und für sich harmlose Verneinungspartikel muss in letzter Zeit mehr und mehr sprachliche Vergewaltigung über sich ergehen lassen, indem es als Markierung für eine ironische Bemerkung dieser nachgestellt wird. Auch dieser Unfug kommt aus den JuÄsofEy. Dort funktioniert das etwa so: „I really like hamburgers. Not.“ Man muss schon halb und halb Gehacktes im Hirn haben, um so einen Schwachsinn erstens gut zu finden und zweitens noch zu übersetzen. Hier übrigens ein Tipp am Rande: Wenn du deiner Zuhörerschaft nicht zumutest, Ironie in deinen Aussagen zu orten, ohne diese beschildern zu müssen, solltest du dir vielleicht besser ein anderes Publikum suchen oder mit der postmodernen Variante des Götz-Zitates gesprochen „einfach mal die Fresse halten“.

kresse
Das ist Ironie. Nicht. Oder doch?

Das geht ja mal gar nicht

Hier handelt es sich um einen Ableger des „Das kann man so nicht sagen“, das besonders sinnstiftend immer dann verwendet wird, wenn „es“ eben gerade so gesagt wurde. Die Variante des „Das geht ja mal gar nicht“ hat aber den Vorteil, dass sie auf dem letzten a schön hipstermäßig affektiert gedehnt werden kann („Das geht ja mal gaaaaar nicht“). Das gibt einen sehr schön komischen Effekt, zumal wenn man sich im jeweiligen Kontext vor Augen hält, was gerade nicht geht, das eben noch ging. Oder so. Bedauernswert ist allerdings die bereits jetzt schon enorme Verbreitung dieser Phrase. Um nicht unter beständigen Kotzanfällen zu leiden, vermindere ich die Permiabilität meines Gehörgangs daher systematisch mit Kopfhörern, wenn ich das Haus verlasse.

Episch

Wieder so ein missverstandenes Wörtchen. Während es nämlich im Englischen durchaus dazu verwendet werden kann, um anzugeben, dass man etwas als legendär betrachtet, ist das im Deutschen so nicht vorgesehen. Hier ordnet das unschuldige Adjektiv lediglich Texte den Erzählungen zu. Wer das nicht begreift, und etwa von „epischen Fußballspielen“ oder gar „epischen Schlachten“ faselt, macht ja wohl mal nen epic Fail.

Thesis

Das nennt man Abschlussarbeit, du Pfeife!

Bacon-Chicken-Burger

Wenn ihr unbedingt alles zwischen zwei lächerliche Blähhefeteilchen quetschen und das ganze Elend dann „Burger“ nennen wollt, dann tut das bitte. Aber Obacht: Die Zutaten heißen Speck und Huhn und werden mit Zwiebelringen oder Kartoffeln serviert. Der nächste Flachhipster, der einen schicken Burger „Chicken-Burger mit Bacon, Onion Rings und Country Potatoes“ bestellt, bekommt von mir gemütsvoll eins in die Fresse. Mit sauer Cream!

Eklig

„Eklig“ ist zum Eckpfeiler der Ausdrucksarmut geworden. Während man früher noch in epischer (!) Breite sich darüber auszulassen vermochte, ob man sich überfressen, unwohl, angeschmutzt oder unsauber fühlt, ob man stechende Kopfschmerzen oder quälende Übelkeit verspürte, ob das Gegenüber etwas ungepflegt aussehe, sich vulgär ausdrücke oder zur Fettleibigkeit neige: alles nur noch eklig. Damit auch alle das Skandalöse daran checken, wird es auch gerne in der Steigerungsform „voll“ verkauft: „Voll eklig, Alter!“


„Eklig“ ist die Bildungsbürgertum-Variante des „Ne bah ekelhaf“.

 

Welche Sprachphänomene bringen euch zum Grübeln oder zur Weißglut? Ab mit euren Vorschlägen in die Kommentare!

Edit:

Nen

Traurig, aber wahr: Es gibt mittlerweile Menschen, die ihre Sozialphobie dahingehend ausleben, dass sie den Kontakt zu ihren Mitmenschen durch die bewusste Falschverwendung der so schön verschiedenen deutschen Artikel zu unterminieren versuchen. Dies äußert sich beim Gebrauch des maskulinen Artikels „einen“, der umgangssprachlich gerne zu „nen“ verkürzt wird. Ist diese Beschneidung noch statthaft und sinnbewahrend, so trifft das gewiss nicht auf die Verwendung dieser Abkürzung im Zusammenhang mit geschlechtlich neutralen Vokabeln zu: „Das wird nen anstrengendes Wochenende“, „zum Grillen bringen wir nen Stück Fleisch mit“ und ähnlichen Unfug bekommen die entsetzten Ohren ab. Du möchtest wissen, warum manchen Menschen unvermittelt eine Ader im Hirn platzt? Hier ist der Grund dafür.

Edit 2:

Der/Die Einzigste

Gerne genommen, nicht ganz so gerne verstanden ist auch das Prinzip des Absolutadjektivs. Wörter, deren semantischer Gehalt ein Entweder-Oder meint, wie etwa tot oder schwanger, sind nicht steigerungsfähig. Das scheint ja allen einzuleuchten, denn nur großflächig Lobotomisierte kämen auf den Gedanken, etwas sei töter, schwangerer oder lauwärmer als etwas anderes. Auch wenn ein Adjektiv bereits einen höchsten oder geringsten Grad zum Ausdruck bringt (leer, ganz, einzig, …) ist das so. Das merkt man dann an der Sinnlosigkeit von Werbesprechblasen wie der „aktuellsten“ Version eines Spiels, die bei jedem Hörer Brechreiz verursachen. Anders offenbar bei „einzig“. Dies scheint für viele Versprecher dann doch den Hyperlativ „einzigst“ zu gestatten. Ist das ein phonetisches Problem? Wird die Semantik nicht durchdrungen? Schreibt man das dann auch so? Hä?

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2 Gedanken zu “Sprache: is ja ekelhaf. Nicht.

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